Grätzelheldin Ruth Wegerer
Oase der Nachbarschaft in Rudolfsheim-Fünfhaus

© GB* / Dutkowski

Steigt man aus dem Lift, empfängt einen am Ende des Ganges ein breites Lächeln. Das strahlende Gesicht gehört Ruth Wegerer, die bereits seit 44 Jahren in diesem Haus wohnt. Tritt man ein, ist man schon mittendrin in der Welt von Ruth Wegerer. Eine Welt, in der Pflanzen eine Hauptrolle spielen, stets die Sonne zu strahlen scheint und viel Platz für Leben, Kreativität und Genießen ist.

Grätzelheldin Ruth Wegerer
Ruth Wegerer in ihrer Oase. (© GB* / Dutkowski)

GrätzelkennerInnen wird Ruth Wegerer keine Unbekannte sein - wenn auch nur indirekt. Spaziert man nämlich im Sommer durch die Stiegergasse und blickt nach oben, entdeckt man üppig bepflanzte Blumenkästen.

Nicht nur Ruth Wegerer selbst sondern auch ihre Wohnung strahlen eine unverwechselbare Lebensfreude und Offenheit aus, die einen sofort ankommen lassen.

„Ich bin eine Pflanzenliebhaberin. Da geht mir das Herz auf. Nichts erfreut mich so sehr wie Pflanzen.“

Grätzelheldin Ruth Wegerer
Ruth Wegerer öffnet ihre Wohnung beim OPEN HOUSE. (© GB* / Dutkowski)

An jeder Ecke sieht man die Liebe zum Detail, ob die Drahtkonstruktionen der Künstlerin, die an der Wand hängen, die Tulpen, die auf dem Tisch stehen oder die fein säuberlich gereihten Magazine und Bücher im Arbeitszimmer - man merkt, hier hat jemand Freude am Schönen.

Das bestätigt auch Ruth Wegerer im Gespräch. Dass sie in dieser Wohnung bereits seit 1976 leben und arbeiten darf, empfindet sie selbst als Privileg und der liebevolle Blick, den sie dabei in das Wohnzimmer wirft, bestätigt die Aussage.

 

Grätzelheldin Ruth Wegerer
Dass sie ihre eigenen vier Wände öffnet, empfindet sie nicht als außergewöhnlich. Normal ist für sie auch, dass sie ihre Nachbarn persönlich kennt und ihre Umgebung begrünt, wo auch immer sie kann. (© GB* / Dutkowski)

Oase in Rudolfsheim-Fünfhaus

Dabei wollte Ruth Wegerer nie in der Stadt leben und schon gar nicht im 15. Bezirk. „Ich wollte immer ins Grüne, aber dann hat sich diese Wohnung ergeben und diese Möglichkeit hätte ich sonst nie gehabt, auch nicht mit Garten“, klärt sie über den Entschluss auf, der Stadt nicht den Rücken zu kehren.

Mit dem Haus verbindet sie zudem viel, hat es doch ihr Urgroßvater gebaut. „Wenn ich mir Fotos ansehe von den ersten Jahren, dann waren da kaum Möbel, aber Zimmerpflanzen“, erzählt sie lachend.

Die Liebe zu Pflanzen war von klein auf da, genauso wie die Liebe zur Kommunikation. So ist sie schon als kleines Kind in der Firma ihres Großvaters zwischen Maschinen herumgelaufen und hat mit Mitarbeitern geplaudert oder die Nachbarinnen und Nachbarn im Haus besucht.

„Durchs Reden kommen die Leute zusammen.“

Grätzelheldin Ruth Wegerer
Ruth Wegerer begrüßt uns herzlich! (© GB* / Dutkowski)

„Ich bin als Kind zu allen Parteien ‚Hallo’ sagen gegangen“, erinnert sie sich. Fast genauso macht sie es heute noch und ergänzt lachend: „In die Wohnung gehe ich aber nicht mehr rein - wobei doch, wenn ich eine Geschichte mache, dann schon.“

Ihr Beruf als Journalistin und ihre Passion für Pflanzen haben sie schon in so manche grüne Stadtoase gebracht. Sieht sie einen schönen Hinterhof, dann packt sie die Neugierde.

"Ich geh‘ eh überall rein, wo ich kann. Wenn wo was offen ist, bin ich drinnen - da hab‘ ich keinen Genierer." 

Bei ihren Ausflügen kann es schon sein, dass sie bei einer Türe anläutet, um zu fragen, ob sie den Innenhof ansehen kann, und dann mit einem „Ja, ja, Frau Wegerer, ich kenn‘ Sie, kommen Sie ruhig rein!“, begrüßt wird. Passiert ist das so in der Penzinger Straße bei der Recherche für eines ihrer Bücher.

„Die Leute kommen von überall her zu mir in die Stiegergasse.“

Doch Ruth Wegerer geht nicht nur in fremde Wohnungen, sie öffnet auch gerne ihre eigene: Einmal im Jahr stellt sie nämlich ihre künstlerischen Arbeiten gemeinsam mit anderen Künstlerinnen und Künstlern aus. Ob Engelwesen aus Draht, Drahtskulpturen oder Elfen, all das wird liebevoll von Ruth Wegerer in Handarbeit gefertigt und an diesem Tag präsentiert.

 

Grätzelheldin Ruth Wegerer
Engelwesen aus Draht, Drahtskulpturen oder Elfen, all das wird liebevoll von Ruth Wegerer in Handarbeit gefertigt. (© GB* / Dutkowski)

Vorbeikommen und neugierig sein darf dann jeder, der sich für Kunst und Austausch interessiert. Dass sie ihre eigenen vier Wände öffnet, empfindet sie dabei aber nicht als außergewöhnlich: „Das ist für mich ganz normal.“

Normal ist für sie auch, dass sie ihre NachbarInnen persönlich kennt und ihre Umgebung begrünt, wo immer sie kann. So kommt es auch, dass sie die Terrasse des im Haus ansässigen Konservatoriums betreut und Grün in den Innenhof zaubert.

Von dieser grünen Oase profitiert nicht nur das eigene Haus, sondern auch die NachbarInnen, die auf diesen grünen Blickfang im Baublock schauen können.

„Ich habe immer den Drang gehabt, etwas zu tun, wusste aber lange nicht was.“

Aus der Fassung bringt sie nur, wenn irgendwo Büsche umgeschnitten werden oder die Brandschutzwand im Innenhof von Pflanzen „befreit“ wird. Trotzdem versucht sie immer das Schöne im Alltäglichen zu sehen. Doch wie schafft man das?

„Das ist keine Sache des Schaffens. Das macht man entweder oder man macht es nicht. Es passiert einfach. Ich bin jemand, der den Moment genauer betrachtet. Das, was gerade passiert, dem ist Aufmerksamkeit zu schenken.“

Grätzelheldin Ruth Wegerer
Ruth Wegerers Wohnung: Eine Welt, in der Pflanzen eine Hauptrolle spielen, stets die Sonne zu strahlen scheint und viel Platz für Leben, Kreativität und Genießen ist. (© GB* / Dutkowski)

Wenn Ruth Wegerer versichert, dass GärtnerInnen im Durchschnitt gelassenere Menschen sind, glaubt man ihr das sofort. „Die müssen immer geduldig sein.“  Ihre Antwort auf die Frage, welche Zauberkraft sie gerne hätte, überrascht wenig: Wäre alles möglich, würde man Ruth Wegerer über Wien fliegen und mit einem Zauberstab lauter Grünflächen herbeizaubern sehen.

Für den Bezirk wünscht sie sich: „Dass es noch ein bissl belebter wird. Was ich am Grätzel immer schon geschätzt habe, ist die Urbanität und das Normale." 

Ob Bepflanzungen, Kunstprojekte oder Bastelarbeiten, hört man Ruth Wegerer mit Begeisterung über ihren Alltag sprechen, weiß man eines: Dieser Frau wird so schnell nicht langweilig.