Milestones der
Sanften Stadterneuerung

In Wien wird Stadterneuerung seit Jahrzehnten mit großem Erfolg praktiziert. Dies wird sichtbar, wenn man durch die alten Stadtviertel spaziert, deren Straßen und Gassen von urbaner Lebendigkeit erfüllt sind. Das war nicht immer so. Abgewohnte Häuser, in denen vorwiegend alte Menschen in Substandardwohnungen hausten, prägten sterbende Stadtteile. Um den schleichenden Verfall von Wiens dichtbebautem Stadtgebiet aufzuhalten, war eine grundlegende Erneuerung dieser Gebiete erforderlich, was, wie sich herausstellte, leichter gesagt als getan war.

Anfang der 70er Jahre gibt es in Wien rund 300.000 Substandardwohnungen. Mit der "Sanften Stadterneuerung" startet ein Mammutprojekt der Revitalisierung.
Anfang der 70er Jahre gibt es in Wien rund 300.000 Substandardwohnungen. Mit der "Sanften Stadterneuerung" startet ein Mammutprojekt der Revitalisierung. (© GB*)

Das Aufgabengebiet war enorm, denn von den rund 700.000 Wohnungen anfangs der 70er-Jahre wurden etwa 300.000 als Substandardwohnungen ausgewiesen, was rund 42 Prozent des Gesamtbestandes entsprach. Die ersten Ansätze zur Sanierung von Wohnvierteln in den 50er- und 60er-Jahren verliefen unbefriedigend. Erneuerungen im „Fiakerviertel“ in Erdberg und in Lichtental im 9. Bezirk basierten auf Kahlschlagsanierungen, ein Weg, den man in Wien im Gegensatz zu anderen Städten auf keinen Fall weiter beschreiten wollte.

Bei der aufwändigen Renovierung der Wiener Althäuser im Blutgassenviertel der Wiener Innenstadt mussten die FolgemieterInnen einen Teil der Kosten übernehmen, was dazu führte, dass nur mehr ein betuchtes Klientel in die Blutgasse einziehen konnte. Auch die Sanierung des Spittelberges ging mit einem Wechsel der ehemaligen MieterInnen einher. Vielversprechender verlief die Sanierung im „Planquadrat“, einem Grätzel im vierten Gemeindebezirk. Ein Fernsehteam des ORF hatte die Initiative ergriffen und motivierte die MieterInnen zur Mitarbeit. „Planquadrat“ lieferte die Praxis zur Theorie des Partizipationsgedankens.

Anstatt die alten Häuser abzureissen, entscheidet sich die Stadt für den Weg der "Sanften Stadterneuerung".

Auf Grund von verwaltungstechnischen Problemen und dem Fehlen sowohl rechtlicher Voraussetzungen als auch finanzpolitischer Instrumentarien dauerte es einige Zeit, bis die Wiener Stadterneuerung auf Touren kam. Als Protagonisten der ersten Stunde erwiesen sich Bürgermeister Leopold Gratz sowie die Stadträte Fritz Hofmann und Hubert Pfoch. Stadterneuerung beschränkte sich nicht nur auf die Gründerzeitviertel, die Stadt Wien kümmerte sich ebenso um die Instandhaltung der eigenen Gebäude.

Pilotprojekt Ottakring – die Geburtsstunde der „Sanften Stadterneuerung“

Mit dem Stadterneuerungsgesetz von 1974 traten erstmals bundesweit gesetzliche Richtlinien für die Stadterneuerung in Kraft. Das Gesetz führte zur Festsetzung eines Untersuchungsgebietes im 16. Gemeindebezirk. Die Erfolgsgeschichte der Stadterneuerung begann schließlich 1974 mit einem städtischen Info-Bus in Ottakring.

Vom Modell Ottakring gingen viele Impulse für die Ideenfabrik Stadterneuerung aus, die wichtigste davon: Die erste Gebietsbetreuung als Anlaufstelle für AnrainerInnen.

Die Wichtelgasse wurde verkehrsberuhigt und 1980 den Beispielen Deutschlands und Hollands folgend zu Österreichs erster Wohnstraße umfunktioniert. Auf einer Baulücke und der Fläche mehrerer Hinterhöfe legte das Stadtgartenamt den Wichtelpark an, zur weiteren Verkehrsberuhigung wurde der Durchzugsverkehr unterbunden. Auf Baulücken errichtete die Stadt Wien insgesamt fünf Neubauten, in denen zur Beheizung erstmals die Abwärme der Ottakringer Brauerei mittels einer Kraftwärmekupplung genutzt wurde. Im Modellgebiet Ottakring fand schließlich die erste Sockelsanierung statt, die in den 80er-Jahren zu einem Meilenstein der „Sanften Stadterneuerung“ wurde. Nicht zuletzt schuf ein Künstler gemeinsam mit Jugendlichen die erste bunt bemalte Feuermauer der Stadt – was heute banal klingt, in den 70er- Jahren aber ein Aufreger ersten Ranges war.

Auf Ottakring folgten die Stadtviertel Gumpendorf, Ulrichsberg, Himmelpfortgrund, Meidling-Wilhelmdorf, Währing und Storchengrund.

Mit dem 1984 von Fritz Hofmann ins Leben gerufenen Wiener Bodenbereitstellungs- und Stadterneuerungsfonds (heute: wohnfonds_wien) wurde eine zentrale Koordinierungs- und Förderstelle geschaffen, mit dem Wohnhaussanierungsgesetz setzte man auf finanzielle Sanierungsanreize für private HauseigentümerInnen.

Stadterneuerung wurde nicht länger als pragmatischer Bau- und Architekturprozess definiert, sondern als immens gesellschaftspolitische Verantwortung. Auch der erste Stadtentwicklungsplan Wiens von 1984 erhob die „Sanfte Stadterneuerung“ zur Leitmaxime. Hofmanns Nachfolger, Rudolf Edlinger, nominierte weitere Stadterneuerungsgebiete: Neulerchenfeld, Karmeliterviertel, Margareten-Ost und Inner- Favoriten, das Kalvarienberg- und das Augartenviertel. Ende der 80er-Jahre war ihre Zahl auf 13 angewachsen. Mit der Anzahl der Gebiete wuchs ihre Größe: 6,3 Hektar waren es in Ottakring, 147 Hektar in Favoriten.

Auch der Tätigkeitsbereich der GebietsbetreuerInnen veränderte sich. Die Gebietsbetreuungen wurden von Planern zu Organisatoren und zu Moderatoren unterschiedlicher Interessen. Sie fungierten als Informationsdrehscheibe, Koordinationsstelle für lokale Netzwerke, als Betreuungsstelle und erste Instanz für Hilfe aller Art.

Stadterneuerung beschränkte sich nicht mehr nur auf die Gründerzeitviertel, die Stadt Wien kümmerte sich ebenso um die Instandhaltung der eigenen Gebäude. Das Mietrechtsgesetz von 1982 mit der Einführung des Erhaltungsbeitrages bot die Handhabe dazu. Zahlreiche große Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit wurden generalüberholt und städtische Althäuser revitalisiert.

Vorrang für die innere Stadtentwicklung

Der Fall des Eisernen Vorhanges 1989, ein Zuwachs von rund 100.000 EinwohnerInnen zwischen 1987 bis 1993 und der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union führten zu einem dynamischen Entwicklungsschub und zu neuen Rahmenbedingungen für Wien. Die Stadt wuchs wieder, was etwa bis 1995 zu einer Verstärkung der Bautätigkeit in den Randlagen führte. Der Trend zur zentrumsorientierten, inneren Stadtentwicklung verlief jedoch weiterhin ungebremst. Grundstücke von Betriebsarealen, Kasernen, Bahnhöfen und Straßenbahnremisen wurden für den sozialen Wohnbau im dichtbebauten Stadtgebiet genutzt, wie etwa die Remisen Maroltingergasse, Kreuzgasse und Vorgartenstraße, das Areal der ehemaligen Rennwegkaserne als Wohnpark Rennweg, die „Zahnradfabrik“ in Ottakring, die ehemalige Lampenfabrik Osram in Liesing, der „Wohnpark Dresdner Straße“ oder das Kabelwerk in Meidling, um einige Beispiele zu nennen.

Zahlreiche neue Gebäude im inneren Stadtgebiet sind sichtbare Beispiele dafür, dass
sich moderne Architektur hervorragend mit dem gründerzeitlichen Baubestand der alten Wienerstadt kombinieren ließ. Wien präsentierte sich als Stadt, die ihr reiches Baukultur-Erbe bewahrte und erneuerte und gleichzeitig die Entwicklung qualitätsvoller neuer Architektur förderte. Eines der trendigsten Projekte, das um die Jahrtausendwende entstand, ist die Gasometer City.

Mit Hilfe von EU-Förderungen ging man schließlich an ein Mammutprojekt der Stadterneuerung heran: die Gürtelzone. Das Revival des Gürtels als urban-lebendiges Gebiet mit Szenecharakter begann mit der Gürtelkommission 1984 unter Fritz Hofmann. Einen deutlichen Schub erhielt es als EU-Projekt „URBAN Wien-Gürtel Plus“ im Jahr 1996. Als es drei Jahre später auslief, wurde mit dem „Zielgebiet Gürtel“ ein umfangreiches BürgerInnenbeteiligungsprogramm gestartet. Noch immer steht der Gürtel im Zentrum einer Stadtteilarbeit, die sich durch eine Kombination von sozialen, wirtschaftlichen, baulichen und kulturellen Maßnahmen auszeichnet.

Stadterneuerung hat Zukunft

Von Jänner 2007 bis Mai 2018 leitete Michael Ludwig das Ressort Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung. Der Stadtrat trat seine Funktion unter den bisher schwierigsten Rahmenbedingungen für den sozialen Wohnbau und für die Fortführung der „Sanften Stadterneuerung“ an. Die Situation in Wien war geprägt von Städtewettbewerb, der Rücknahme staatlicher Regulierung, der schwieriger werdenden ökonomischen Situation der öffentlichen Hand und Integrationsdruck.


Lebensqualität hängt eng mit der Wohnqualität zusammen und damit gehört Stadterneuerung auch in Zukunft zu den wichtigsten Aufgaben der Stadtverwaltung.

Ungeachtet aller Probleme ist die weitere Steigerung der Wohnzufriedenheit daher erklärtes Ziel.

Verwaltungstechnische Evaluierung und neue Schwerpunktsetzungen haben sich in der Zwischenzeit voll bewährt: Die Gebietsbetreuungen Stadterneuerung (GB*) sind aktuell an mehreren Standorten wienweit tätig. Die aktuell fünf GB*-Teams verfügen über breitgefächerte Kompetenzen, ihre Aufgaben liegen in einem interdisziplinären Gebietsmanagement. Dem 2011 eingeführten Instrument „Stadtteilmanagement“ obliegt es, die lokale Ebene zu stärken, BewohnerInnen zu ermutigen, sich zu artikulieren, um sie zu gleichberechtigten PartnerInnen werden zu lassen. Über Image-Aufwertung werden Standorte für ihre NutzerInnen attraktiv gemacht, wobei man dabei nicht selten von kultureller Belebung ausgeht. Die projektorientierte Stadterneuerung wird seit vielen Jahren durch vielfältige Formen der Kulturarbeit ergänzt.

Die Gebietsbetreuungen Städtische Wohnhausanlagen, die seit 2010 als „wohnpartner – Gemeinsam für eine gute Nachbarschaft” firmieren, legen mit zahlreichen Aktionen das Fundament für ein reibungsloses Zusammenleben im Gemeindebau.

Waren es vor 40 Jahren Bürgermeister Leopold Gratz und Stadtrat Fritz Hofmann, so sind heute Michael Häupl und Michael Ludwig die Garanten dafür, dass Wiens Stadtentwicklung weiterhin im Zeichen der Stadterneuerung stehen wird. Natürlich ist es nicht mehr die Stadterneuerung Marke „Pilotprojekt Ottakring“, die Schwerpunkte haben sich verlagert, zu differenziert sind die Aufgabenfelder, zu umfangreich ist das Leistungsspektrum geworden. Geförderte Wohnhaussanierung ist eine zentrale Säule der Wiener Wohnbaupolitik. Sie leistet einen entscheidenden Beitrag zur hohen Wohn- und Lebensqualität bei gleichzeitig stabilen und erschwinglichen Mieten.

Blocksanierung als wichtiges Instrument der Sanften Stadterneuerung

Als ein wichtiges Instrument der „Sanften Stadterneuerung” wurde zu Beginn der 90er-Jahre die Blocksanierung entwickelt. Ziel dabei ist, eine nachhaltige Aufwertung dicht bebauter Stadtteile durch liegenschaftsübergreifende Maßnahmen - also über das einzelne Gebäude und Grundstück hinaus. Vom wohnfonds_wien werden fortlaufend Blocksanierungsgebiete zur Untersuchung beauftragt.

Ein breites Spektrum nehmen ökologische Maßnahmen ein. Mit Hilfe der Thewosan-Förderschiene werden Schritte zur thermisch-energetischen Sanierung von Wohnhäusern gesetzt. Letztendlich macht es auch die demografische Entwicklung in Wien notwendig, spezifische Themen aufzugreifen: „Barrierefreies Wohnen“ erfordert behindertengerechte Einrichtungen, den nachträglichen Einbau von Aufzügen in Althäusern oder auch neue Wohnformen für SeniorInnen.

Erfolgsbilanz

War Wien am Beginn und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts eine Stadt mit besonders
schlechten Wohnverhältnissen, beträchtlich hinter den Millionenstädten Westeuropas zurück, so hat sie heute besten europäischen Standard erreicht. 2018 konnte sich Wien bereits zum neunten Mal in Folge in der „Mercer-Studie“ weltweit an die Spitze aller 231 verglichenen Metropolen setzen. Wiens „Sanfte Stadterneuerung“ war zum x-ten Mal Träger von internationalen Auszeichnungen. Der weltweit wichtigste Preis im Bereich der Stadtentwicklung und Stadterneuerung, die „Scroll of Honour“, wurde am 4. Oktober 2010 von der UN-Habitat (UNO-Weltorganisation für Siedlungswesen und Wohnbau) an Wien verliehen.

Als sich ständig weiterentwickelndes System legte die Stadterneuerung von damals den Grundstein zu etwas, das heute als herausragende Stärke Wiens gesehen wird: Die Verbindung lokaler Identitäten, historischer Baubestände und neuer Architektur.