Ein Kreislauf aus Nehmen und Geben

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Stadtteilgärtnerin Charlotte begrünt zwei Baumscheiben in der Kenyongasse im 7. Bezirk. Bei unserem Gespräch vor Ort erzählt sie uns von den vielen positiven Aspekten, die das Garteln in der Stadt für sie hat.


Wie bist du zum Baumscheibengarteln gekommen?
Ich bin als Kind zum Teil am Land und zum Teil in Wien aufgewachsen, wodurch ich immer schon einen starken Bezug zur Natur hatte. Vor fünf Jahren sind wir dann eben in diese Gasse gezogen und ich fand es schön ein Stückchen Grün vor der Haustüre zu haben.

Als ich dann in der Baumscheibe am Anfang der Straße ein „Hier Gartelt"-Schild sah, dachte ich mir gleich, dass ich gerne diese beiden Baumscheiben betreuen möchte, zumal eine davon meine Glückszahl ist; wenn das nicht ein Zeichen war! Ich finde es toll, dass die Stadt Wien einem diese Möglichkeit gibt.

Ich sehe das Garteln in der Baumscheibe als Teil eines Kreislaufes aus Nehmen und Geben, denn eigentlich ist das gesamte Leben ein Geben und Nehmen.

Die Stadt bzw. auch die Natur gibt mir so viel, sodass ich ihr gerne etwas zurückgeben möchte. Artenvielfalt liegt mir hierbei sehr am Herzen, weswegen meine Baumscheibe auch sehr vielfältig ist.

Was blüht und wächst in deiner Baumscheibe?
Ich habe damals eine Wiesenmischung vom Hofer gepflanzt wo alles Mögliche dabei war, aber dieses Jahr blüht einiges zum ersten Mal! Hier sehen wir Malven, Minze, Froschgoscherl und auch einen Pfirsichbaum, der jedoch wächst, weil jemand einen Kern hineingeschmissen hat. Den muss ich jetzt bald zurückschneiden bzw. entfernen.

Die andere Baumscheibe liegt etwas schattiger, darum hab ich dort Funkien, Farn, Hortensien und Bodendecker gesetzt.

Wie reagieren die Menschen in der Umgebung darauf, dass du hier gartelst?
Ich hatte schon sehr viele nette Begegnungen! Einmal ist eine Person vorbeigekommen, die mich beim Garteln gesehen hatte und etwas unfreundlich meinte, ob ich das denn darf. Daraufhin bin ich mit ihr ins Gespräch gekommen und habe erzählt, dass die Stadt Wien die Flächen zur Verfügung stellt, damit Privatpersonen diese begarteln können. Plötzlich ist ein total nettes Gespräch daraus geworden und die Person war begeistert von dem Projekt. Ich fand das richtig schön, wie ein anfänglich negatives Gespräch sich dann doch so positiv entwickelt hat.

Immer wenn man gerade am Garteln ist, sprechen einen vorbeigehende Leute an und man erfährt alle möglichen Geschichten von ihnen, vom Job bis hin zu allerlei Krankheiten. Eine Nachbarin von mir hat auch einen Garten und bringt mir immer wieder Ableger mit, die ich dann hier einsetze.

Was macht das Garteln für dich so besonders?
Mir gefällt es besonders dabei zuzusehen, wie sich die Baumscheibe einerseits je nach Jahreszeit verändert aber auch in jedem Jahr generell anders ist. Sie ist einfach nicht jedes Jahr gleich. Mal blüht das auf, mal nicht, mal ist die eine Pflanze mehr im Vordergrund, mal die andere. Besonders stark sieht man das an der Minze, die mal mehr, mal weniger ist.

Ich bin ja auch der Meinung, dass man der Natur mehr Zeit geben muss. Wir wollen immer sofort ein Ergebnis sehen aber im Falle der Natur funktioniert das nicht. Pflanzen brauchen Zeit und man weiß nie genau, wann etwas nun aufkommt und blüht. Diesen Prozess mitzuerleben finde ich einfach total spannend und bereichernd.


Haben Sie's gewusst? Im regionalen Sprachgebrauch wird das große Löwenmaul auch als "Froschgoscherl" bezeichnet.