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Der historische Kontext

"Licht, Luft und Sonne für alle“ forderten die ArchitektInnen zu Beginn des 20. Jahrhundert angesichts von Enge und desolaten hygienischen Zuständen in den europäischen Großstädten. Die Lösung wird in modernen Neubauten gesucht. Sie ersetzen, wie bei der Flächensanierung in Alt Erdberg in den 1950er Jahren, großflächig den bestehenden, alten Baubestand. Mitte der 1960er Jahre formierten sich Gegenbewegungen, die zunächst versuchten, kunsthistorisch wichtige Gebäude vor der Abrissbirne zu retten. Später weitete sich die Wertschätzung des historischen Bestands auf die alltägliche Stadt aus. Im Modellgebiet Ottakring wurde im Juli 1978 erstmals eine Gebietsbetreuung eingerichtet und mit dem Stadtentwicklungsplan 1985 sowie der Gründung des Wiener Bodenbereitstellungs- und Stadterneuerungsfonds 1984 (heute: wohnfonds_wien) wurde die sanfte Stadterneuerung institutionalisiert.

Assanierung Alt-Erdberg

Bis in die 1950er Jahre gab es in weiten Teilen von Alt-Erdberg, einem der ältesten Wohngebiete Wiens, weder Gasanschlüsse noch elektrisches Licht. Eine Studie der „Forschungsstelle für Bauten und Wohnen“ berichtete von desolaten hygienischen Zuständen. Diese kleinteilige Struktur sollte einer großräumigen Flächensanierung im Geiste der Modernisierung weichen.

Entdeckung des baukulturellen Erbes

Blutgassenviertel

Eine in den 1950er Jahren direkt hinter dem Stephansdom geplante großflächige Sanierung wurde nie umgesetzt. Stattdessen wurden die engen, zum Teil noch aus der Zeit der Türkenbelagerung stammenden Häuser in den 1960er Jahren aufwändig saniert, mit dem Ziel, die Altstadt so zu erhalten, dass ein bestimmter Personenkreis um dieser "Atmosphäre willen" bereit ist, die verhältnismäßig hohen Kosten der Instandsetzung zu tragen. Es soll ein Bereich geschaffen werden, der seinen BewohnerInnen - vor allem KünstlerInnen und geistig Schaffenden - eine kultivierte Umwelt und die Ruhe zur Besinnlichkeit bietet.

Rettung der Otto-Wagner-Stadtbahnstation am Karlsplatz

1969 demonstrierten ArchitekturstudentInnen gegen die Demolierung der Otto-Wagner-Stadtbahnstation am Karlsplatz. Während ähnliche Proteste in Hietzing erfolglos blieben, konnte der Pavillon am Karlsplatz gerettet werden. Er wurde im Zuge der U-Bahnbaustelle demontiert und anschließend 1977 um 1,5 Meter über dem ursprünglichen Niveau wieder aufgestellt. Mit seinen von Joseph Maria Olbrich entworfenen Jugendstilornamenten zierte er bereits kurz danach die Tourismusfolder der Stadt Wien.

Ensembleschutz

Das heruntergekommene, ehemalige Rotlichtviertel am Spittelberg, sollte Anfang der 1970er Jahre großflächig durch neue öffentliche Wohnbauten ersetzt werden. Eine bunte Protestinitiative aus AnrainerInnen, KünstlerInnen und ArchitektInnen formierte sich für den Erhalt und die Revitalisierung der historischen Bausubstanz. Der Spittelberg profitierte von der damals aktuellen Ausweitung des Denkmalschutzes auf ganze Gebäudeensembles („Ensembleschutz“) und wurde 1973 zur Schutzzone erklärt. Beim Fest der IG Spittelberg wurden Alternativmodelle für kostengünstige Altstadtsanierungen diskutiert. Es sollte kein Ghetto für Privilegierte entstehen. Trotzdem wurde die Sozialstruktur im Zuge des Revitalisierungsprozesses fast vollständig ausgetauscht. KünstlerInnen, JournalistInnen und andere Kreative zogen in die Biedermeierhäuser, Märkte mit Kunsthandwerk und Gastgärten prägen heute den malerischen Straßenraum.

Arenabesetzung

Der ehemalige Auslandsschlachthof in St. Marx war in den 1970er Jahren Spielstätte für eine Veranstaltungsreihe der Wiener Festwochen mit dem Titel "Arena" - aber nur als temporäre Zwischennutzung. Das weitläufige Gelände hatte die Gemeinde Wien einem Textilhandelsunternehmen für einen Neubau versprochen. Als nach der letzten Festwochenvorstellung im Juni 1976 der Abbruch drohte, thematisierte eine Gruppe von ArchitekturstudentInnen der Akademie der bildenden Künste den baugeschichtlichen Stellenwert des zwischen 1915 und 1926 errichteten Industriebaus und verfasste ein Flugblatt mit dem Slogan "der Schlachthof darf nicht sterben". Die Bands Schmetterlinge und Keif, die zuerst auf der Bühne des Supersommers am Naschmarkt gespielt hatten, wechselten nach Bekanntwerden des Abbruchbescheides in den Auslandsschlachthof und setzten ihr Konzert dort fort. Ein Großteil des Publikums ging mit und viele BesucherInnen der Arena-Reihe blieben. Die Arena war besetzt. Trotzdem wurde der Auslandsschlachthof nach 14 Wochen Besetzung abgerissen. Das Angebot der Stadt Wien, den „ArenautInnen“ den benachbarten, aber viel kleineren Inlandsschlachthof zu überlassen, wurde nicht von allen akzeptiert, führte aber dennoch zur Etablierung der bis heute als Veranstaltungsort bestehenden Arena.

Planquadrat

Für die Verbreiterung der Mühlgasse sah der Flächenwidmungsplan von 1966 den Abriss der gesamten Häuserzeile eines Baublocks vor. Unter dem Titel "Planquadrat" wird das Häusergeviert zum Schauplatz einer Protestinitiative, die erstmals aktiv mit dem Medium Fernsehen arbeitet. Die Dokumentarfilmreihe von Helmut Voitl und Elisabeth Guggenberger wird zwischen 1974 und 1976 im Hauptabendprogramm des ORF ausgestrahlt.

Das für die ORF-Dokumentation beauftragte Filmteam beschränkte sich nicht auf eine Bestandsaufnahme, sondern ging dazu über, die BewohnerInnen aktiv zu involvieren. So zeichneten sie mit Jugendlichen eine weiße Diagonale quer über Hofmauern, die fallen sollten. Das "Planquadratspiel" wurde 1974 von StudentInnen der TU Wien entwickelt und an jeden Haushalt als interaktives Ideen- und Planungsinstrument verteilt. Im weiteren Projektverlauf wurden ein Zaun geschliffen und eine Fläche gerodet.

Unter der Moderation von Helmut Zilk wurden unter anderem Ideen für die gemeinsame Gestaltung eines Kinderspielplatzes mit Bürgermeister Leopold Gratz live im Fernsehen diskutiert. Etwas später wurde von der Stadt Wien die "Arbeitsgemeinschaft Planquadrat" (Hugo Potyka und Wilhelm Kainrath) beauftragt. Die Planer setzten durch, dass nicht nur der Hof, sondern auch die angrenzenden Altbauten saniert wurden. Mit der Sanierung eines ganzen Häuserblocks unter MieterInnenbeteiligung war das Planquadrat ein erster Schritt zur sanften Stadterneuerung in Wien.

Planquadrat

Ein Häusergeviert wird unter dem Titel "Planquadrat" zum Schauplatz einer Protestinitiative, die erstmals aktiv mit dem Medium Fernsehen arbeitet. Mehr lesen »

MA25 der Stadt Wien - Um Häuser besserWien. Unser Zuhause.

Die Wiener Gebietsbetreuungen sind der Geschäftsgruppe Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung zugeordnet und werden im Auftrag der Magistratsabteilung 25 von privaten Auftragnehmerinnen und Auftragnehmern geführt.