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Garteln im öffentlichen Raum

Modetrend oder Bestandteil einer lebenswerten Stadt?

Garteln in der Stadt – wozu ist das eigentlich gut? Wenn Obst und Gemüse heute in bester Bio-Qualität jederzeit erhältlich sind, gleichzeitig der urbane Freiraum zunehmend Mangelware ist und unter großem Nutzungsdruck steht? Und ernsthafte Selbstversorgung auf eingeschränkten öffentlichen Freiräumen für größere Teile der Bevölkerung ohnehin nicht möglich ist?

Um diese Fragen zu beantworten, werfen wir zuerst einen Blick auf die verschiedenen Möglichkeiten, im öffentlichen Raum zu Garteln.

Ein Blogbeitrag von

Organisationsformen urbanen Gärtnerns und ihre soziale Bedeutung

  • Eine Institution kümmert sich um Organisation - am Beispiel Steinhagegarten

Der Steinhagegarten in Meidling wurde von uns, der GB*5/12, ursprünglich als Zwischennutzungsprojekt initiiert, wird aber aktuell weiterhin v.a. organisatorisch betreut.

Im Steinhagegarten liegt der Schwerpunkt auf der Produktion von Gemüse. Auf 21 Gartenparzellen mit jeweils ca. 8 m² können ebenso viele GärtnerInnen pflanzen, was immer ihr Herz begehrt. Der Anbau erfolgt dabei nach den Richtlinien der ökologischen Landwirtschaft – also ohne Kunstdünger, Herbiziden und ähnlichen chemischen Hilfsmitteln.

Neben dem Erlernen des Gartenhandwerks steht vor allem der Austausch der GärtnerInnen untereinander im Vordergrund. Bei den monatlichen Gartentreffen werden aktuelle Themen besprochen – vom kaputten Gartenschlauch bis zur Organisation des jährlich stattfindenden Gartenfestes im Herbst.

Alle bringen sich ein
Die GärtnerInnen kommen aus unterschiedlichsten sozialen Umfeldern, viele von ihnen sind keine gebürtigen ÖsterreicherInnen. Bei der gemeinsamen Gartenarbeit lernen sich die GärtnerInnen kennen und bringen ihre persönlichen Kompetenzen ein: Der pensionierte Elektriker repariert das kaputte Schloss des Gartencontainers, den die jungen Kreativen bemalt haben. Der Berufskoch kümmert sich liebevoll um die Kräuterspirale und die Bewohnerin des Hauses gegenüber hat stets ein wachsames Auge auf den Garten.

Gärtnern im Fokus
Die GärtnerInnen können sich auf das eigentliche Garteln konzentrieren und müssen sich nicht um zeitaufwändige Gruppenprozesse wie z.B. die Aufteilung der organisatorischen Arbeit kümmern. Auch können sie bei Konflikten innerhalb der Gruppe auf Unterstützung und Moderation seitens der Institution zählen. So achten wir von der GB* nicht zuletzt auf ein faires Miteinander und die Einhaltung von Regeln, wie die Befristung der Beetnutzung auf drei Jahre, um auch neuen GärtnerInnen den Einstieg zu ermöglichen.

Diese Vorteile sind aber auch mit Nachteilen verbunden. Das Gruppengefühl in so organisierten  Gärten erreicht meist nicht die Stärke, wie es in selbst organisierten Gärten der Fall ist, da die Verantwortung von einer außerhalb stehenden Institution übernommen wird. Erst durch die gemeinsame Übernahme von Verantwortung wird eine Gruppe arbeitsfähig und lernt, anstehende Herausforderungen selbst zu lösen.

  • Die GärtnerInnen organisieren sich in einem Verein

Die meisten Nachbarschaftsgärten in Wien organisieren sich selbst in Form von Vereinen. Die Vereine pachten die Fläche und sind Ansprechpartner für Verwaltung und Politik. In den Statuten sind die grundsätzlichen Spielregeln festgelegt, die laufenden Entscheidungen werden regelmäßig in der Gruppe getroffen.

Gerade in der Gründungsphase können Vereine Starthilfe erhalten – z.B. in Form von Beratung und fachlicher Unterstützung  - z.B. von uns, den GB*, oder dem Verein Gartenpolylog.

Stark im Miteinander
Für das soziale Leben bedeutet diese Organisationsform, dass die GärtnerInnen sich als Gruppe finden müssen, sich bei Meinungsverschiedenheiten auch einmal „zusammenraufen“ lernen und auf diese Weise zu einer richtigen Gemeinschaft werden. Das soziale Miteinander kann sehr stark werden, und solche Gärten können sich im Grätzel zu wichtigen Treffpunkten entwickeln und als Ort der Integration dienen.

Ein möglicher Nachteil dieser Organisationsform ist, dass es zu Besitzansprüchen einzelner Personen und einer Entwicklung zu einer geschlossenen Gruppe kommen kann – was einer Privatisierung von öffentlichem Gut gleich käme. Solche Prozesse können aber durch Auflagen von Seiten der öffentlichen Hand als Verpächterin meist gut verhindert werden.

Einen Karte mit allen GB*-Nachbarschaftsgärten finden Sie hier!

  • Guerilla-Gardening

Ursprünglich wurde die heimliche Aussaat von Pflanzen im öffentlichen Raum als Guerilla Gardening bezeichnet. Häufiges Motiv war politischer Protest. Heute wird auch urbanes Gärtnern auf z.B. öffentlichem oder fremdem Grund ohne explizite Erlaubnis als Guerilla-Gardening definiert. Hierbei stehen eher Themen wie der Wunsch nach  Selbstversorgung oder der Protest gegen die Agrar-Industrie etc. im Vordergrund.

Guerilla-Gartenprojekte sind informell organisiert. Die Flächennutzung wird von der Grundeigentümer/in lediglich geduldet. Mit dem Risiko, dass diese Duldung jederzeit widerrufen werden kann. 

Für Außenstehende sind die Spielregeln in diesen Gärten oft nicht zu durchschauen, und auch die Kontaktaufnahme zu den GärtnerInnen ist häufig nur vor Ort möglich, wenn gerade jemand da ist, der/die sich zuständig fühlt.

  • Garteln ums Eck und Gärten für alle

Im Rahmen der GB*-Initative „Garteln ums Eck“ können Baumscheiben gestaltet und gärtnerisch gepflegt werden. Dabei handelt es sich in der Regel nicht um Gemeinschaftsgärten, sondern einzelne AnwohnerInnen übernehmen die Gestaltung einer Mikrofreifläche in ihrem direkten Wohnumfeld. Im Zuge des Gärtnerns kommt es zu unterschiedlichen Begegnungen und Gesprächen mit NachbarInnen und PassantInnen. Das fördert die sozialen Kontakte in der Nachbarschaft.

In Meidling gibt es mit dem „Garten Wolfganggasse“ ein Projekt, in dessen Rahmen GärtnerInnen nicht nur ihre Baumscheibe gestalten, sondern auch untereinander vernetzt sind, regelmäßig Gartentreffen abhalten und fallweise Veranstaltungen organisieren.

Aktuell entstehen auf öffentlichen Flächen auch Gärten, die allen offen stehen. GB*-Beispiele sind etwa der Naschgarten im Donaufeld oder ein offener Garten in der Nordbergstraße im 9. Bezirk.

Nutzen für alle

Egal, in welchem organisatorischen Rahmen gegartelt wird: Immer eignen sich Menschen ein kleines Stück Freiraum an, nutzen es, gestalten es nach ihren persönlichen Vorstellungen, investieren Zeit, Energie und Liebe und identifizieren sich in weiterer Folge stark mit ihrem Garten.

Diese Identifikation mit dem Garten bringt auch ein Stück soziale Kontrolle mit sich. Wo sich BewohnerInnen mit ihrem unmittelbaren Wohnumfeld identifizieren ist ihnen nicht egal, was dort passiert. Das trägt auch erheblich zur - empfundenen und objektiven - Sicherheit bei.

Wer im öffentlichen Raum gärtnert, wird immer wieder mit PassantInnen ins Gespräch kommen, manchmal auch müssen. Um sich in gegenseitigem Wohlwollen über Pflanzen und die Welt auszutauschen, aber auch um Konflikte hinsichtlich der Nutzung öffentlicher Räume auszutragen – z.B. Entsorgen von Müll im Garten, liegengelassene Hundstrümmerl, unterschiedliche Auffassungen über angemessene Lautstärken und vieles mehr. Beides ist in einer Stadt notwendig.

Sozialer Friede und Zusammenhalt sind Zustände, die ständig neu verhandelt und gelebt werden müssen. Der öffentliche Raum ist dafür ein wichtiger Ort, weil hier alle NutzerInnen grundsätzlich gleichberechtigt aufeinander treffen.

Gärtnern im öffentlichen Raum stärkt die Identifikation mit dem eigenen Wohnumfeld, stärkt die Identität und den Charakter  von Stadtteilen und fördert den sozialen Zusammenhalt.

Der ökologische Nutzen

Auch das Ökosystem Stadt profitiert von der Vielfalt an Gärten. Die Zahl an Pflanzenarten ist in Gemeinschaftsgärten relativ hoch, meist um ein vielfaches höher als in den umliegenden öffentlichen Grünräumen. Dafür sorgen die vielen unterschiedlichen GärtnerInnen mit ihren individuellen Vorlieben. Sie produzieren ein kleinteiliges Mosaik unterschiedlichster Beete und Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Auch die eine oder andere „wilde Ecke“ findet sich in vielen Gemeinschaftsgärten.

Aus ökologischer Sicht ist das sehr vorteilhaft: So sind beispielsweise Bienen auf ein breites Angebot an Blütenpflanzen angewiesen, die über die gesamte warme Saison verteilt Nektar und Pollen zur Verfügung stellen. Die öffentliche Grünraumverwaltung kann diese Form der kleinräumigen Ausdifferenzierung, die mit viel händischer Arbeit verbunden ist, nicht leisten.

Der Mandlgarten in Meidling ist ein Beispiel für einen ökologisch ausgerichteten Gemeinschaftsgarten. Die Pflanzflächen liegen zwischen Gehsteig und Fahrbahn, und weil von Zeit zu Zeit Hundstrümmerl oder Abfall in den Beeten entsorgt werden, ist dieser Garten für den Gemüseanbau nicht wirklich geeignet.

Deshalb luden wir zur Gründung des Gartens Dr. Matthias Kopetzky von BEE-Coop www.bee-coop.at ein, um etwas über Bienen und das Imkern in der Stadt zu erfahren. Mit diesen Hintergrundinformationen versorgt, legen die MandlgärtnerInnen ihren Schwerpunkt jetzt vor allem auf Blütenpflanzen.

Fazit

Garteln im öffentlichen Raum kann wertvolle Beiträge zur Lebensqualität in der Stadt leisten - für die GärtnerInnen, aber auch für die Allgemeinheit - und hat auch positive Effekte auf die Stadtökologie.

  • Die Gärten bereichern das Stadtbild und können dazu beitragen, den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Neben dem Setzen und Pflegen der Pflanzen können ganz nebenbei auch Beziehungen vor Ort entstehen und gepflegt werden. Gerade in unserer Zeit, in der große Teile des sozialen Lebens an virtuellen Orten und über große Distanzen erfolgen, ist das wichtig für die Stadt und das Grätzel.

  • Die Gestaltung und Pflege öffentlicher Freiräume durch BewohnerInnen bietet große Chancen für die Stadterneuerung. Sie trägt zur Belebung von Quartieren bei, schafft Identifikation mit dem eigenen Wohnumfeld und legt Verantwortung in die Hände von BewohnerInnen.

  • Das große Interesse an Nachbarschaftsgärten und der Initiative „Garteln ums Eck“ zeigt, dass viele Menschen die Lust am Gärtnern und an der Partizipation zur Gestaltung des öffentlichen Raumes teilen. Die Gebietsbetreuungen Stadterneuerung stärken diesen „Do it yourself“ - Gedanken, indem wir  bestehende und neue Gartenprojekte unterstützen. Mit Information, Beratung und praktischer Hilfe.

In Hinblick auf die anfänglich aufgeworfenen Fragen kann abschließend festgehalten werden, dass
Gärtnern im öffentlichen Raum vielfältige Qualitäten produziert und ein wertvoller Bestandteil einer modernen und partizipativen Organisation städtischer Freiräume sein kann.

Denn aktiv belebte Orte bedeuten mehr Lebensqualität für uns alle.

Alle GB*-Serviceleistungen zum Thema "Urbanes Garteln" finden Sie hier!

 

 

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